Laudatio Sparkassenpreis Hildesheim

von Prof. Dr. Bettina Uhlig

Just Dancin' by Zoë MacTaggart

Der diesjährige Preis geht an ein großes, grelles, wildes Bild – „just dancin’“ von Zoë McTaggart.

 

Das Bild fällt in der Gesamtschau der Ausstellung auf oder besser: es fällt heraus. Es lässt einen nicht mehr los, es hat eine enorme visuelle Präsenz, auch wenn man längst weitergegangen ist - - - es kommt immer wieder ins Gedächtnis zurück und drängelt - - - wieder und wieder will es angesehen werden. Es scheint so, als ob man es nicht zu Ende sehen könnte.

 

Mich – und auch andere Jurymitglieder – hat dieses Bild in den Bann gezogen. Was aber ist es, das den Blick nicht loslässt?

 

Es wird eine Szene stillgestellt und dadurch ansichtig, die wir ansonsten nicht betrachten könnten, denn die Situation wäre viel zu schnell, zu laut, zu rasant.

 

Alles ist in Bewegung und dreht sich: eine Frau um ihre eigene Achse und um sie herum drei Wölfe, tanzend, springend, beißend, ineinander verschlungen.

 

Wird hier die Lust am Leben gefeiert oder sind wir Beobachter eines archaischen Rituals, ist die Frau in Gefahr – in so unmittelbarer Nähe zu wilden Tieren – oder sind Mensch wie Tier pulsierende, sich windende Wesen.

 

Mir imponiert besonders, wie die Figuren – Tiere wie Frau – in ihrer Mimik und Gestik ausgeleuchtet sind, wie ausdrucksstark sie wirken und wie sie sich aufeinander beziehen, körperlich, farblich und durch das Wechselspiel der Blicke.

 

Hinzu kommt die wilde, gestische und gekonnte Malerei, die viele Referenzen aufruft: Daniel Richter, Annette Schröter, Peter Doig, Nalini Malani, Justine Otto – um nur einige zu nennen.

 

Ungestümer, wuchtiger Umgang mit Farbe, grobe Farbflächen, sich auflösende Farbfelder, fein modulierte Farbigkeit in Gesicht, Haut, Kleidung verbinden sich zu einem farbigen Ganzen. Farbe und Malerei sind jedoch nicht vordergründig. Vordergründig ist das, was auf dem Bild vor sich geht.

 

Die Präsenz des Bildes wird durch Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit erzeugt. Das Bild gibt uns widersprüchliche Antworten – und das macht es zu einem guten Bild. Nichts ist plakativ und fassbar, vielmehr wird es immer fraglicher, je länger ich es betrachte.

 

Zoë McTaggart ist offenbar eine lebensbejahende, intensive, impulsive Frau – sie ist in dem Bild gegenwärtig, vielleicht ist sie sogar selbst die Tanzende im wilden Reigen mit jenen Tieren, denen sie Energie und Kraft zuschreibt. Aber das Biografische ist hier – wenn überhaupt – dann nur Oberfläche. In diesem Bild ist etwas Essenzielles, Bedeutungsvolles und Beängstigendes, das den Bogen bis hin zu existenziellen Fragen des Mensch-, Frau- und Tierseins schlägt. Deshalb fühlen wir uns angezogen und konfrontiert.

 

(Laudatio zur Verleihung des Sparkassenpreises des BBK – 11/2016)