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Einführung in das Werk von Zoë MacTaggart

von Manfred Bolte M.A.

 

Guten Tag meine Damen und Herren. 

 

Mein Name ist Manfred Bolte. Ich bin Sozialwissenschaftler und unterrichte an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim und habe Kunstsoziologie in Hannover studiert. Ich habe schon früh die Werke von Zoë MacTaggart kennen und würdigen können und durfte 2017 zu ihrer großen Einzelausstellung in Hildesheim ebenfalls einführende Worte vortragen.

 

Heute wird hier im Kunstforum Land Wursten e.V. eine weitere große Einzelausstellung von Zoë MacTaggart eröffnet. Es handelt sich hierbei um eine Werkschau, zu den Themen „starke Frauen“ und „Dancehall“. Das werde ich erläutern. Es werden verschiedene Schaffensperioden gezeigt und unterschiedliche malerische und performende Herangehensweisen. Ausgestellt sind 15 Acryl Gemälde, einige Zeichnungen und Aquarelle sowie eine Installation mit einem Mobile. Bisher in noch keiner anderen Ausstellung wurden die Styropor/Acryl Objekte gezeigt, die unter den Glaskolben zu sehen sind, auch das wird noch erläutert.

 

Ich habe meine Einführung mit folgenden Worten überschrieben:

„Zoë MacTaggart ist eine starke Frau, die zum Teil große Bilder malt, von ebenso starken Frauen, und lässt ihre Farben durch einen dargestellten Farbrausch teilweise in der 3. Dimension explodieren, wie z.B. in der Mobile-Installation“ 

Daraus ergeben sich zwei Fragen:

„Wie macht sie das?“ und 

„Warum kann Sie das?“ 

1. Wie macht sie das? Ganz einfach: Sie weiß, was sie will, sie weiß, was sie kann und sie weiß immer, wie sie ihr Vorhaben, in einer bisher nie dagewesenen Form umsetzen kann. Durch das Durchbrechen von Farb- und Formenwelten in ihrer eigenen Bildsprache entsteht dann ein Effekt, der diese, hier zu erlebende Faszination ausmacht. (...)

 

Aber wie macht sie das, ist die Frage? Technisch gesprochen lässt sich diese explodierende Farbrauscherfahrung dadurch erzeugen, das zu allen verwendeten Farben auch die komplementären Farben hinzugefügt werden. Man denke nur an den Farbkreis. Und glauben Sie mir, es fehlt keinem Bild die entsprechende komplementär-Komposition, das ist handwerkliches Können. Dadurch hat man das Gefühl, die Farben tanzen in einer harmonisch-spannungsgeladenen Weise. In der Mobile-Installation fliegen gewissermaßen die Farben aus dem Bild heraus. Und das sollen sie auch…

 

Warum kann Sie das? Zunächst sei festgestellt: Zoë MacTaggart ist eine Ausnahmekünstlerin. Wenn ich sie nun als Ausnahmekünstlerin bezeichne, dann muss ich dies auch begründen:

Alle Bilder von Zoë MacTaggart sind autobiographisch intendiert. Die Künstlerin malt Dinge, die sie etwas angehen, die sie betreffen, und dass in einer Leichtigkeit, die am besten mit Musik vergleichbar ist. Ihre Bilder, ihre Themen drängen aus ihr heraus, und sind auf diese Weise authentisch. Schon ein Blick in ihre Lebens- und Tätigkeitsdaten zeigt, dass Zoë MacTaggart mit ihren unterschiedlichen künstlerischen Aktivitäten jedes Genre sprengt. Das Malen, Tanzen, Performen, Reden, Radio machen, sich inszenieren, sind alles ihre Betätigungsfelder. In diesem Zusammenhang will ich auf das Buch von John Dewey, „Kunst als Erfahrung“ von 1934, hinweisen, der diesen Erfahrungsbegriff mit Kunst erstmals zusammenbringt.

 

Außerdem war Zoë MacTaggart Meisterschülerin und befreundet mit der berühmten Maler- und Popart-Legende Andora. Er hat eine Rakete bemalt, die dann in den Weltraum geschossen wurde und war dadurch erster intergalaktischer Künstler und Zoë seine Schülerin.

 

Nun zu Zoë MacTaggart: Bemalte Raketen, bemalte Autos oder Roller, Computer, Videorekorder oder sonstige Alltagsgegenstände sind nicht ihre Angelegenheiten. Sie hat andere Themen. Sie malt starke Bilder von starken Frauen. Sie malt sie in so leuchtenden, in so farbgewaltigen und zum Teil in so riesengroßen Formaten, dass es unmöglich ist, sich der Konfrontation und Wirkung oder der Magie dieser Bilder zu entziehen. Ihre Frauen, die sie malt, sind auf eine besondere Weise präsent. Es ist unmöglich wegzugucken. Ihre Frauen auf den Bildern lassen den Betrachter, die Betrachterin nicht aus den Augen. Sie wollen konfrontieren, zum Teil provozieren und ziehen alle Blicke und Gedanken auf sich. Sofort stellt sich beim Betrachten ein innerer Dialog mit den Frauen auf den Bildern ein, sofort ist man mittendrin in einem besonderen Erlebnis- und Spannungsfeld. Zu diesem Spannungsfeldern gehören dann die jeweiligen Daseinsentwürfe, die persönlichen Assoziationen, die sich unmittelbar einstellen. Es tauchen eigene Zusammenhänge, Familienzusammenhänge auf, Bezüge zu Gruppen, zur Gesellschaft, zu den Rollen- und den Geschlechterdiskursen und letztlich zum Feminismus, und den Theorien, mit denen sich frau und oder man gerade beschäftigt. 

 

Zoë MacTaggart ist als Ausnahmekünstlerin in gleichem Maße Malerin und Performerin. Indem Sie auch als Burlesque-Künstlerin auftritt und darin auch andere unterweist und animiert, kommt es dadurch zu außergewöhnlichen Inszenierungen. Diese bilden dann ihrerseits wieder die Grundlagen für besondere Posen, die dann in Bilder umgesetzt werden. Durch diese Auftritte als Tänzerin in Verbindung mit Seminaren und Workshops zur Burlesque-Kunst hat Zoë MacTaggart das internationale Netzwerk von der „Dr. Sketchy’s Anti-Art School“ nach Hannover geholt. Dadurch konnte sich in Hannover eine Gegenbewegung zu den sonst „langweiligen“ Aktzeichenkursen bilden. Wem hierzu die Scene aus dem Film: „Werk ohne Autor“ von Florian Henkel von Donnersmark einfällt, weiß, was ich meine.

 

Zoë und das Radio

Zoë MacTaggart moderiert seit vielen Jahren zusammen mit ihrem Mann Thorben Noß die Musik-Sendung auf Radio Leinehertz 106,5 mit dem Titel: "Wha Gwaan - Reggae & Dancehall mit Frontyard International“. Dancehall ist ein weiterer Hintergrund, der den Subtext zu vielen Bildern von Zoë MacTaggart darstellt. Ebenso eine Studienreise nach Gambia (Westafrika). Diese Hintergründe bilden den Erfahrungszusammenhang, der sich dann in einigen großformatigen Bildern erkennen lässt. Die mit Musik aufgeladenen Kompositionen, ziehen dann die Bildbetrachter in ihren Bann. 

 

Zoë MacTaggart ist eine moderne Netzwerk-Künstler-Performerin, die Zugang zu unterschiedlichen Milieus, Systemen und Subkulturen hat. Dort findet sie ihre Anregungen und Modelle. Und das ist auch ihr Leben. 

 

Um ihren feministischen Ansatz darzustellen, braucht es einen kurzen Ausflug in die Geschichte. In der Geschichte des Feminismus lassen sich zwei große Strömungen ausmachen. Zum einen geht es um einen bürgerlich orientierten Feminismus, der sich vornehmlich um eine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung und um besondere Berücksichtigungen feministischerer Anliegen wie z.B. der Einrichtung von Frauenparkplätzen und einer Betonung der „naturgegebenen Rolle“ der Frau als Mutter in der Gesellschaft einsetzt. 

Demgegenüber steht andererseits die Position der postmodernen Frauenbewegung. Diese ist in Kalifornien entstanden und bezieht sich weitestgehend auf das theoretische Genderkonzept von Judith Butler. Sie will mittels Dekonstruktion sowohl soziale als auch biologische Rollenausdifferenzierungen möglichst überwinden und zu einem neuen „ethischen Geschlecht“ kommen. Die Form der Emanzipation soll mit den Mitteln des eigenen Lebens, den eigenen Erfahrungen und den eigenen künstlerischen performativen Möglichkeiten Formen finden. Auf dieser Grundlage sollen sich dann Veränderungen ergeben. Hierzu ist nahezu jedes Mittel recht, ob diese durch den Einsatz von Malerei, Film, Fotografie, Tanz oder anderen Arten der Inszenierung erreicht werden, ist unerheblich. Entscheidend ist, dass Selbsterfahrungen und Selbstverwirklichungen zu Veränderungen beitragen. 

 

Zoë MacTaggart ist fasziniert von den Frauen und ihren Bewegungen, die z.B. durch unterschiedlichste Musik hervorgebracht werden kann. Daraus entstehen zunächst Skizzen, die dann im Atelier zu den großen energiegeladen und farblich explodierenden Gemälden, wie oben beschrieben. 

 

Sie finden nun bei dieser Ausstellung Bilder, die durch das Tanzen und die Aufführung von Burlesque entstanden sind, und eben Tanzbilder mit Darstellungen von Tänzerinnen aus der beschriebenen Dancehall-Szene. Dieses Genre hat sich als Nachfolger des Reggaes aus Jamaika entwickelt, wo Musik und Tanz kulturell eine wesentliche Rolle auch im Alltag spielen. Man darf sich diese Tänze als sehr wild, lebensfroh und energiereich vorstellen. Die sich daraus entwickelnden Tanzfiguren sind einerseits sehr eigenständig und anderseits auch performativ und emanzipativ zu nennen. Darin kommen, nach Ansicht von Zoë MacTaggart, sowohl die geschlechterspezifische Sozialisierung zum Ausdruck, die historisch unbedingt im Zusammenhang mit Kolonialismus und Sklaverei zu sehen ist, als auch die Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen um soziale Macht und Ressourcen. Diese intendierten Auseinandersetzungen werden ebenfalls in dieser Dancehall-Kultur ausgetragen und finden ihren Niederschlag in den großartigen Bildern in dieser Ausstellung.

 

Andere Bilder lassen sich der Kategorie „Charismatische Persönlichkeiten“ zuordnen. So z.B. die Bilder Glimmer Sisters von 2016 und Curtain von 2019, ebenso das Coverbild von der Einladung. 

Auch die charismatische Sängerin Jaqee gehört in diese Rubrik. Sie flüchtete als junges Mädchen mit ihrer Mutter aus Uganda nach Schweden. Wenn sie nicht gerade durch die Welt tourt, lebt sie inzwischen als Sängerin mit ihrer kleinen Familie in Berlin. Dort hat Zoë MacTaggart sie besucht, als Jaqee gerade mit ihrem zweiten Kind hochschwanger war.

Überregionale Aufmerksamkeit wurde Zoë MacTaggart auch durch ihre Arbeit mit sudanesischen Flüchtlingen zuteil. Neben ehrenamtlichem Deutschunterricht fertigte sie auch Zeichnungen des Camplebens und seiner Bewohner 2016 in Hannover an. 

 

Für Zoë MacTaggart sind Begriffe wie Freiheit, Emanzipation, Macht, Glück, Möglichkeiten der Selbst- und Fremddarstellung, Wünsche, Werte und alle Formen der Auseinandersetzung sehr wichtig. Sie zeigt uns in ihren Bildern selbstbewusste, freiheitsliebende Frauen mit einer ausgeprägten Haltung oder Attitüde und stellt diese in den Mittelpunkt all ihrer Arbeiten. 

 

Die Ausstellung trägt den Namen „Dweet“. „Dweet“ meint: „do it“ und zielt auf den Erfahrungsbegriff ab. Kunst als Erfahrung im Sinne von John Dewey, ist für Zoë MacTaggart genau diese Erlebniswelt, die sich in der Umsetzung in ihren Bildern zeigt. „Dweet“ meint genau diesen Prozess. Ungemalte Bilder stellen in diesem Zusammenhang die Antithese von „do it“ im Sinne von „not done“ dar. Nichtgemalte Bilder sind weder ausstellbar, noch betrachtbar und schon gar nicht verkaufbar. 

Der Titel „Dweet“ ist sicher auch wieder mit dem Zoëschen „Augenzwinkern“ zu verstehen. Denn das „Augenzwinkern“ durchzieht ihre gesamten Arbeiten und vielleicht sogar ihr ganzes Leben.

 

Mit diesem Motto möchte ich Sie nun auffordern, sich diese sehr gelungene Ausstellung nochmals anzuschauen. Vielen Dank.

 

(Eröffnungsrede im Kulturforum Land Wursten e.V. in Dorum am 16. Juni 2019) 


Zoë McTaggart: Just Dancin’

von Prof. Dr. Bettina Uhlig

Just Dancin' by Zoë MacTaggart

Der diesjährige Preis geht an ein großes, grelles, wildes Bild – „just dancin’“ von Zoë McTaggart.

 

Das Bild fällt in der Gesamtschau der Ausstellung auf oder besser: es fällt heraus. Es lässt einen nicht mehr los, es hat eine enorme visuelle Präsenz, auch wenn man längst weitergegangen ist - - - es kommt immer wieder ins Gedächtnis zurück und drängelt - - - wieder und wieder will es angesehen werden. Es scheint so, als ob man es nicht zu Ende sehen könnte.

 

Mich – und auch andere Jurymitglieder – hat dieses Bild in den Bann gezogen. Was aber ist es, das den Blick nicht loslässt?

 

Es wird eine Szene stillgestellt und dadurch ansichtig, die wir ansonsten nicht betrachten könnten, denn die Situation wäre viel zu schnell, zu laut, zu rasant.

 

Alles ist in Bewegung und dreht sich: eine Frau um ihre eigene Achse und um sie herum drei Wölfe, tanzend, springend, beißend, ineinander verschlungen.

 

Wird hier die Lust am Leben gefeiert oder sind wir Beobachter eines archaischen Rituals, ist die Frau in Gefahr – in so unmittelbarer Nähe zu wilden Tieren – oder sind Mensch wie Tier pulsierende, sich windende Wesen.

 

Mir imponiert besonders, wie die Figuren – Tiere wie Frau – in ihrer Mimik und Gestik ausgeleuchtet sind, wie ausdrucksstark sie wirken und wie sie sich aufeinander beziehen, körperlich, farblich und durch das Wechselspiel der Blicke.

 

Hinzu kommt die wilde, gestische und gekonnte Malerei, die viele Referenzen aufruft: Daniel Richter, Annette Schröter, Peter Doig, Nalini Malani, Justine Otto – um nur einige zu nennen.

 

Ungestümer, wuchtiger Umgang mit Farbe, grobe Farbflächen, sich auflösende Farbfelder, fein modulierte Farbigkeit in Gesicht, Haut, Kleidung verbinden sich zu einem farbigen Ganzen. Farbe und Malerei sind jedoch nicht vordergründig. Vordergründig ist das, was auf dem Bild vor sich geht.

 

Die Präsenz des Bildes wird durch Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit erzeugt. Das Bild gibt uns widersprüchliche Antworten – und das macht es zu einem guten Bild. Nichts ist plakativ und fassbar, vielmehr wird es immer fraglicher, je länger ich es betrachte.

 

Zoë McTaggart ist offenbar eine lebensbejahende, intensive, impulsive Frau – sie ist in dem Bild gegenwärtig, vielleicht ist sie sogar selbst die Tanzende im wilden Reigen mit jenen Tieren, denen sie Energie und Kraft zuschreibt. Aber das Biografische ist hier – wenn überhaupt – dann nur Oberfläche. In diesem Bild ist etwas Essenzielles, Bedeutungsvolles und Beängstigendes, das den Bogen bis hin zu existenziellen Fragen des Mensch-, Frau- und Tierseins schlägt. Deshalb fühlen wir uns angezogen und konfrontiert.

 

(Laudatio zur Verleihung des Sparkassenpreises des BBK – 11/2016)


Zu den Arbeiten von Zoë MacTaggart

von Delia Theoklidis

[...] Zu ihren Vorbildern in der Kunst zählen neben anderen Kokoschka, Doig und Lautrec – große Maler, deren Einflüsse in MacTaggarts Werken deutlich zum Vorschein kommen.

Expressionistisch inspirierte Techniken werden in ihren Bildern zu bunten Szenerien der Nacht transformiert. Ob großflächige Acrylgemälde oder kleinere Aquarellmalereien; alle Arbeiten der Künstlerin haben einen zeichnerischen Charakter, welcher sich durch die Körper der Gesamtkompositionen ausdrückt.

Die Bildthemen sind weibliche Körper, deren Umrisslinien gekonnt über die ganze Bildfläche geschwungen und durch einen pastösen Farbauftrag kontrastiert werden. Der Bildaufbau wirkt dadurch sehr dynamisch, die geschickt zusammengestellten Farbfelder spielen dabei genau so eine große Rolle, wie die augenscheinlich in einer Bewegung gezeichneten Körperlinien. Vorder- und Hintergrund verschmelzen derweil in Eins und vermitteln dem Betrachter ein Gefühl von Bewegung, was dem Thema des Burlesquetanzes zuspielt.

MacTaggart ist leidenschaftliche Burlesqueperformerin und sieht diese Ausdrucksform als Kunst an; die Verarbeitung der Burlesque-Themen in ihren Bildern verdeutlicht dies. Großen Wert legt die Künstlerin vor allem darauf, dass der Striptease nur ein kleiner Bestandteil der facettenreichen Kunst des Burlesquetanzes ist. [...]

 

(Delia Theoklidis anlässlich der Ausstellung "Urnenwahl", Mai 2014, urnenwahl.tumblr.com)