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Einführung in das Werk von Zoë MacTaggart

von Manfred Bolte

Heute wird hier in der Galerie im Stammelbach-Speicher eine Einzelausstellung von Zoë MacTaggart eröffnet. Es handelt sich dabei um eine Werkschau, die einen Überblick über unterschiedliche Themen- und Schaffensperioden geben soll.

 

Als ich neulich am Bahnhof die Philosophie Zeitschrift „Hohe Luft“ Nr. 5 kaufte, stieß ich in ihr auf einen Artikel zum Thema „ethisches Geschlecht“. Dort hieß es: Der Mann und mit ihm die Männlichkeit sind in der Krise. Der traditionelle Mann ist ein Auslaufmodell. Was ist das überhaupt: Männlichkeit? Oder ist die Geschlechterfrage falsch gestellt? Die Ursachen liegen, so heißt es, im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, im Aussterben von klassischen männlichen Berufsbildern; in der zunehmenden rechtlichen und ökonomischen Gleichberechtigung; in der Verunsicherung angesichts eines medial gehypten Popfeminismus; dem Wegbrechen traditioneller Familienformen mit dem Mann als »Oberhaupt«.

 

Für diese „Krise des Mannes interessiert sich Zoë „nicht die Bohne“, oder genauer gesagt: „fast nicht“. Sie hat andere Themen. Sie malt Frauen und zwar in so leuchtenden, in so farbgewaltigen und zum Teil in so riesengroßen Formaten, dass es unmöglich ist, sich der Konfrontation und Wirkung oder der Magie ihrer Bilder zu entziehen. Ihre Frauen sind präsent. Es ist unmöglich wegzugucken. Sie lassen den Betrachter nicht aus den Augen. Sie wollen konfrontieren, zum Teil provozieren und ziehen alle Blicke und Gedanken auf sich. Sofort stellt sich mir beim Betrachten ein innerer Dialog mit den dargestellten Frauen auf den Bildern ein und ich bin mittendrin in einem eigentümlichen Erlebnis- und Spannungsfeld. Zu dem gehören die Familie, die Gruppe, die Gesellschaft, die Rollen- und Geschlechterdiskurse und der Feminismus.

 

Zoë MacTaggart ist eine Vollblut-Malerin. Ihr „Künstler sein“ beschränkt sich aber nicht auf das Malen. Sie hat Auftritte als Tänzerin gehabt, Seminare und Workshops zur Burlesque-Kunst gegeben und hat das internationale Netzwerk von der „Dr. Sketchy’s Anti-Art School“ als Gegenbewegung zu langweiligen Aktzeichenkursen nach Hannover geholt. Sie moderiert seit vielen Jahre die Musik-Sendung auf Radio 106,5 Leinehertz mit dem Titel: "Wha Gwaan - Reggae & Dancehall mit Frontyard international“. Ihre Studienreisen nach Gambia (Westafrika) haben nachhaltige Wirkung auf sie gehabt.

 

Zoë MacTaggart ist eine moderne Netzwerk-Künstler-Performerin, die Zugang zu unterschiedlichen Milieus, Systemen und Subkulturen hat. Dort findet sie ihre Anregungen und ihre Modelle. Das ist auch ihr Leben.

 

Um ihren feministischen Ansatz darzustellen, braucht es einen kurzen Ausflug in die Geschichte. In der Geschichte des Feminismus lassen sich zwei große Strömungen ausmachen. Zum einen geht es um einen bürgerlich orientierten Feminismus, der sich vornehmlich um eine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung und um besondere Berücksichtigungen feministischerer Anliegen wie z.B. der Einrichtung von Frauenparkplätzen und einer Betonung der „naturgegebenen Rolle“ der Frau als Mutter in der Gesellschaft einsetzt.

 

Demgegenüber steht andererseits die Position der postmodernen Frauenbewegung. Diese ist in Kalifornien entstanden und bezieht sich weitestgehend auf das theoretische Genderkonzept von Judith Butler. Sie will mittels Dekonstruktion sowohl soziale als auch biologische Rollenausdifferenzierungen möglichst überwinden und zu einem neuen „ethischen Geschlecht“ kommen. Die Form der Emanzipation soll mit den Mitteln des eigenen Lebens, den eigenen Erfahrungen und den eigenen künstlerischen performativen Möglichkeiten Formen finden. Auf dieser Grundlage sollen sich dann Veränderungen ergeben. Hierzu ist nahezu jedes Mittel Recht, ob diese durch den Einsatz von Malerei, Film, Fotografie, Tanz oder anderen Arten der Inszenierung erreicht werden, ist unerheblich. Entscheidend ist, dass Selbsterfahrungen und Selbstverwirklichungen zu Veränderungen beitragen.

 

Zoë MacTaggart ist fasziniert von den Frauen und ihren Bewegungen, die bei ihnen zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Daraus entstehen zunächst Skizzen, die dann im Atelier zu den großen energiegeladen und farblich fast explodierenden Gemälde werden.

 

Bei dieser Ausstellung gibt es neben den Bildern, die durch das Tanzen und die Aufführung von Burlesque entstanden sind, Tanzbilder mit Darstellungen von Tänzerinnen aus der Dancehall-Szene. Dieses Genre hat sich als Nachfolger des Reggaes aus Jamaika entwickelt, wo Musik und Tanz kulturell eine wesentliche Rolle auch im Alltag spielen. Man darf sich diese Tänze als sehr wild, lebensfroh und energiereich vorstellen. Darin kommen, nach Ansicht von Zoë MacTaggart, sowohl die geschlechterspezifische Sozialisierung zum Ausdruck, die historisch unbedingt im Zusammenhang mit Kolonialismus und Sklaverei zu sehen ist, als auch die Auseinandersetzung zwischen Männern und Frauen um soziale Macht und Ressourcen. Diese Auseinandersetzungen werden ebenfalls in der Dancehall-Kultur ausgetragen.

 

Einige Bilder lassen sich der Kategorie „Charismatische Persönlichkeiten“ zuordnen. Hierzu zählt das Bild „Gardening Josephine“, das die private Josephine Baker zeigt, die ihre Pflanzen gießt. Josephine Baker war eine, besonders in Frankreich gefeierte, afroamerikanische Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin. Entsetzt von den Rassenvorurteilen, die ihr in ihrer Heimat, den USA, entgegenschlugen, nahm sie 1937 die französische Staatsangehörigkeit an. Sie protestierte auf ungewöhnliche Weise gegen Rassismus, indem sie 12 Kinder unterschiedlicher Hautfarben adoptierte.

Auch die charismatische Sängerin Jaqee gehört in diese Rubrik. Sie flüchtete als junges Mädchen mit ihrer Mutter aus Uganda nach Schweden. Wenn sie nicht gerade durch die Welt tourt, lebt sie inzwischen als Sängerin mit ihrer kleinen Familie in Berlin. Dort hat Zoë MacTaggart sie besucht, als Jaqee gerade mit ihrem zweiten Kind hochschwanger war. Die Idee zu dem Gemälde „Green Wig“ (Perücke) entstand bei diesem Besuch in Berlin.

Auch das Bild „Hungry Lobster“ ist mühelos unter die charismatischen Persönlichkeiten einzuordnen. Es handelt sich um ein Selbstportrait von Zoë.

 

Ein weiterer Themenschwerpunkt ist „Sisterhood“. Er befasst sich mit Schwestern, bzw. Schwesternpaaren. Im übertragenen Sinn geht es um Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Schwestern oder Sisterhood glaubt an die Kraft ihrer Gemeinschaft. Sie sind füreinander da und ermutigen und helfen sich. Zoë hat selbst noch zwei jüngere Schwestern. Auf den Bildern „Foresters“ und „A litte Help“ sind sie zu finden.

 

Überregionale Aufmerksamkeit wurde Zoë MacTaggart auch durch ihre Arbeit mit sudanesischen Flüchtlingen zuteil. Neben ehrenamtlichem Deutschunterricht fertigte sie auch Zeichnungen des Camplebens und seiner Bewohner in Hannover an.

 

Für Zoë MacTaggart sind Begriffe wie Freiheit, Emanzipation, Macht, Glück, Möglichkeiten der Selbst- und Fremddarstellung, Wünsche, Werte und alle Formen der Auseinandersetzung sehr wichtig. Sie zeigt uns in ihren Bildern selbstbewusste, freiheitsliebende Frauen mit einer ausgeprägten Haltung oder Attitüde und stellt diese in den Mittelpunkt all ihrer Arbeiten.

 

Die Ausstellung trägt den Namen „Shebang“. „Shebang“ meint den alltäglichen Kram, der in der Erlebniswelt einer Künstlerin bewältigt werden muss, auch wenn es „nur“ um den täglichen Kampf mit den zugeschriebenen Geschlechterrollen geht. Dieser Titel ist sicher auch mit einem „Augenzwinkern“ zu verstehen. Das „Augenzwinkern“ durchzieht ihre gesamten Arbeiten und vielleicht sogar ihr ganzes Leben.

 

(Eröffnungsrede in der Galerie im Stammelbach-Speicher am 10. September 2017)


Zoë McTaggart: Just Dancin’

von Prof. Dr. Bettina Uhlig

Just Dancin' by Zoë MacTaggart

Der diesjährige Preis geht an ein großes, grelles, wildes Bild – „just dancin’“ von Zoë McTaggart.

 

Das Bild fällt in der Gesamtschau der Ausstellung auf oder besser: es fällt heraus. Es lässt einen nicht mehr los, es hat eine enorme visuelle Präsenz, auch wenn man längst weitergegangen ist - - - es kommt immer wieder ins Gedächtnis zurück und drängelt - - - wieder und wieder will es angesehen werden. Es scheint so, als ob man es nicht zu Ende sehen könnte.

 

Mich – und auch andere Jurymitglieder – hat dieses Bild in den Bann gezogen. Was aber ist es, das den Blick nicht loslässt?

 

Es wird eine Szene stillgestellt und dadurch ansichtig, die wir ansonsten nicht betrachten könnten, denn die Situation wäre viel zu schnell, zu laut, zu rasant.

 

Alles ist in Bewegung und dreht sich: eine Frau um ihre eigene Achse und um sie herum drei Wölfe, tanzend, springend, beißend, ineinander verschlungen.

 

Wird hier die Lust am Leben gefeiert oder sind wir Beobachter eines archaischen Rituals, ist die Frau in Gefahr – in so unmittelbarer Nähe zu wilden Tieren – oder sind Mensch wie Tier pulsierende, sich windende Wesen.

 

Mir imponiert besonders, wie die Figuren – Tiere wie Frau – in ihrer Mimik und Gestik ausgeleuchtet sind, wie ausdrucksstark sie wirken und wie sie sich aufeinander beziehen, körperlich, farblich und durch das Wechselspiel der Blicke.

 

Hinzu kommt die wilde, gestische und gekonnte Malerei, die viele Referenzen aufruft: Daniel Richter, Annette Schröter, Peter Doig, Nalini Malani, Justine Otto – um nur einige zu nennen.

 

Ungestümer, wuchtiger Umgang mit Farbe, grobe Farbflächen, sich auflösende Farbfelder, fein modulierte Farbigkeit in Gesicht, Haut, Kleidung verbinden sich zu einem farbigen Ganzen. Farbe und Malerei sind jedoch nicht vordergründig. Vordergründig ist das, was auf dem Bild vor sich geht.

 

Die Präsenz des Bildes wird durch Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit erzeugt. Das Bild gibt uns widersprüchliche Antworten – und das macht es zu einem guten Bild. Nichts ist plakativ und fassbar, vielmehr wird es immer fraglicher, je länger ich es betrachte.

 

Zoë McTaggart ist offenbar eine lebensbejahende, intensive, impulsive Frau – sie ist in dem Bild gegenwärtig, vielleicht ist sie sogar selbst die Tanzende im wilden Reigen mit jenen Tieren, denen sie Energie und Kraft zuschreibt. Aber das Biografische ist hier – wenn überhaupt – dann nur Oberfläche. In diesem Bild ist etwas Essenzielles, Bedeutungsvolles und Beängstigendes, das den Bogen bis hin zu existenziellen Fragen des Mensch-, Frau- und Tierseins schlägt. Deshalb fühlen wir uns angezogen und konfrontiert.

 

(Laudatio zur Verleihung des Sparkassenpreises des BBK – 11/2016)


Zu den Arbeiten von Zoë MacTaggart

von Delia Theoklidis

[...] Zu ihren Vorbildern in der Kunst zählen neben anderen Kokoschka, Doig und Lautrec – große Maler, deren Einflüsse in MacTaggarts Werken deutlich zum Vorschein kommen.

Expressionistisch inspirierte Techniken werden in ihren Bildern zu bunten Szenerien der Nacht transformiert. Ob großflächige Acrylgemälde oder kleinere Aquarellmalereien; alle Arbeiten der Künstlerin haben einen zeichnerischen Charakter, welcher sich durch die Körper der Gesamtkompositionen ausdrückt.

Die Bildthemen sind weibliche Körper, deren Umrisslinien gekonnt über die ganze Bildfläche geschwungen und durch einen pastösen Farbauftrag kontrastiert werden. Der Bildaufbau wirkt dadurch sehr dynamisch, die geschickt zusammengestellten Farbfelder spielen dabei genau so eine große Rolle, wie die augenscheinlich in einer Bewegung gezeichneten Körperlinien. Vorder- und Hintergrund verschmelzen derweil in Eins und vermitteln dem Betrachter ein Gefühl von Bewegung, was dem Thema des Burlesquetanzes zuspielt.

MacTaggart ist leidenschaftliche Burlesqueperformerin und sieht diese Ausdrucksform als Kunst an; die Verarbeitung der Burlesque-Themen in ihren Bildern verdeutlicht dies. Großen Wert legt die Künstlerin vor allem darauf, dass der Striptease nur ein kleiner Bestandteil der facettenreichen Kunst des Burlesquetanzes ist. [...]

 

(Delia Theoklidis anlässlich der Ausstellung "Urnenwahl", Mai 2014, urnenwahl.tumblr.com)